energonia Klassifizierung der Flexibilitätsnutzung im Schweizer Stromsystem (working)

Dokumentation · Referenzstand v1.0 · Schweiz

0. Überblick

Diese Dokumentation beschreibt die energonia Klassifizierung der Flexibilitätsnutzung im Schweizer Stromsystem (v1.0). Sie enthält Zweck, Systemgrenzen, Definitionen, Rollen, Codes, Zuordnungsregeln, Pflichtattribute für Matching, Vertragsminimum, rechtliche Verweise sowie offene Fragen.

Die Klassifizierung ordnet nicht Technologien, sondern Nutzungsarten von Flexibilität. Ein Asset kann mehrere Flexibilitätstypen gleichzeitig oder zeitlich versetzt anbieten.

1. Zweck des Modells

Einheitliche, prüfbare Typisierung von Flexibilität, damit man:

  • Assets typisieren kann (z. B. „Batterie bietet Flex-Typ X und Y“),
  • Anbieter gezielt suchen kann (z. B. „Anbieter von Typ Z“).

Fokus auf Operationalisierbarkeit: Matching, Verträge, Messung/Verifikation und Konfliktregeln.

2. Systemgrenze

2.1 In Scope

  • Flexibilität, die sich als gezielt aktivierbare Änderung an einer definierten elektrischen Schnittstelle manifestiert (Messpunkt/Anschlusspunkt; messbare Wirkung auf Netto-Wirkleistung).
  • Flexibilität ist modellrelevant, wenn sie zwischen mindestens zwei Parteien genutzt wird (Flexibilitätsinhaber/Anbieter ↔ Empfänger/Nutzer).
  • Abdeckung von:
    • Netz-Flex (Verteilnetzbetreiber–Flexibilitätsinhaber; inkl. gesetzlich garantierter Nutzung),
    • Energiemarkt-Flex (Day-Ahead, Intraday, bilateral/OTC; inkl. ex-post wo verfügbar),
    • TSO-aktivierter Flex (Swissgrid aktiviert; „Control Energy/Regelenergie“).

2.2 Out of Scope (explizite Abgrenzungen)

  • Notfall-/Schutzmassnahmen (z. B. automatische Lastabwürfe/Schutzauslösungen).
  • Strategische Reserve / Versorgungssicherheitsreserve (ausgeblendet; als Modellgrenze vermerkt).
  • Imbalance Settlement als eigener Typ (kein Flex-Typ, sondern Abrechnungs-/Anreizkontext).

3. Grunddefinition Flexibilität (modellseitig)

Flexibilität (im Modell) = Fähigkeit/Option, an einem definierten Anschlusspunkt die Netto-Wirkleistung zeitlich zu verändern, gezielt aktivierbar durch Markt/Vertrag/operativen Abruf oder (im Netz-Fall) durch gesetzlich garantierte Nutzung, mit messbarer Wirkung und klaren Nebenbedingungen.

Grundsätze:

  • „Flex“ ist nicht gleich „Markt“: Märkte sind Aktivierungs-/Koordinationskanäle.
  • „Richtung“ (↑/↓) ist Attribut, nicht Typ.

4. Akteure & Rollen

4.1 Rollen (Definitionen)

  • Flexibilitätsinhaber: Endverbraucher, Erzeuger, Speicherbetreiber (Inhaber der Flexibilität).
  • Anbieter: Inhaber selbst oder Aggregator/Vertreter (Modell trennt Inhaber und Anbieter strikt).
  • Empfänger/Nutzer (entscheidend für Typzuordnung):
    • DSO (Verteilnetzbetreiber) bei Netz-Flex,
    • Marktakteur/Portfolio (Lieferant/Händler/BRP) bei Energiemarkt-Flex,
    • TSO bei TSO-aktivierter Flex.

4.2 Rollenblatt

Rolle Beschreibung Muss-Felder
Flexibilitätsinhaber Endverbraucher / Erzeuger / Speicherbetreiber Inhaber-ID, Anschlusspunkt(e), Asset-Klasse
Anbieter Inhaber oder Aggregator/Vertreter Anbieter-ID, Vertretungsrecht falls ≠ Inhaber
Empfänger/Nutzer DSO / Marktakteur / TSO Empfänger-Typ, Gebiet/Marktrolle, Abrufkanal

5. Haupttypen der Flexibilitätsnutzung (Empfänger-/Trigger-orientiert)

5.1 GF — Grid Flexibility (Netzdienliche Flexibilität, DSO)

Fokus: Schnittstelle DSO (Verteilnetzbetreiber) ↔ Flexibilitätsinhaber im Netzgebiet. „Netzdienlich“ gemäss StromVV Art. 19a: Entlastung lokaler Netzsituationen, Netzausbau vermeiden, Massnahmen aufschieben, Netzkosten senken.

Unterklassen nach Regime und Verbindlichkeit. Hinweis: Ziel/Motivation (Netzkosten senken vs Restriktion/Ausbau vermeiden) ist Attribut, nicht Code.

  • GF-C1 – Contracted non-firm grid flexibility
    Vertraglich genutzte netzdienliche Flex ohne strikte Leistungsgarantie (best-effort). Nichterfüllung führt primär zu Mehrkosten/Opportunität.
  • GF-C2 – Contracted firm grid flexibility
    Vertraglich genutzte netzdienliche Flex mit garantierter Leistung/Verfügbarkeit (SLA), relevant für lokale Restriktionen.
  • GF-L1 – Legal curtailment
    Gesetzlich garantierte Abregelung/Einspeisemanagement.
    Rechtsgrundlage: StromVG Art. 17c Abs. 4 lit. a; StromVV Art. 19c Abs. 4 (Cap: max. 3% p.a. am Anschlusspunkt).
  • GF-L2 – Legal operation-threat use
    Gesetzlich garantierte Nutzung bei unmittelbarer erheblicher Gefährdung des sicheren Netzbetriebs.
    Rechtsgrundlage: StromVG Art. 17c Abs. 4 lit. b.

Zusatzdimension (Attribut/Prozess): „Bestehende Flexibilität“ (StromVV Art. 19d) als Status {bestehend, neu}; Opt-out-Regime und Informationspflichten als Attribute/Prozess.

5.2 SF — Schedule Flexibility (Fahrplan-Flexibilität als Call-Flex, nicht normaler Handel)

SF umfasst Flex als bilaterales Ausübungsrecht, das zu einer Fahrplan-/Positionsänderung führt (ohne TSO-Aktivierung). Day-Ahead / Intraday / After-Market sind Kontext/Erfüllungskanäle, keine Flex-Typen im Modell.

  • SF-FC – Forward Call flexibility
    Call/Option zur ex-ante Anpassung der geplanten Position/Fahrpläne (planungsgetrieben; nicht TSO-aktiviert).
  • SF-IC – Imbalance Call flexibility
    Call/Option zur kurzfristigen Korrektur, wenn der Bilanzgruppe/Portfolioenergie „fehlt/überschiesst“ (abweichungsgetrieben; nicht TSO-aktiviert).

Minimaler Satz Pflichtattribute für SF (Trennschärfe)

  • Ausübungsberechtigter (wer darf auslösen)
  • Triggerlogik (Preis/Forecast vs Abweichung/Imbalance)
  • Ausübungszeitfenster (D-1, D-0, in delivery; Vorlaufzeit)

5.3 BF — Balancing Flexibility (TSO-Balancing-Flexibilität)

BF umfasst Flexibilität, die durch den TSO aktiviert wird (Swissgrid-aktiviert; Systemdienstleistung/Control Energy). Nur TSO-aktivierte Abrufe gehören hier hinein; nicht-TSO Ausgleich via Markt bleibt ausserhalb von BF.

6. Klassifikationsblatt (Codes und Kerndefinitionen)

Ebene Code Name (DE) Name (EN, kurz) Empfänger/Nutzer Aktivierung/Trigger Regime Vergütung Kerndefinition (1 Satz)
Haupttyp GF Netzdienliche Flexibilität Grid Flexibility DSO netzdienlicher Einsatz im Netzgebiet Vertrag/Gesetz abhängig Untertyp Flex-Nutzung durch DSO im Netzgebiet zur Netzdienlichkeit
Untertyp GF-C1 Vertragliche netzdienliche Flexibilität (nicht garantiert) Contracted non-firm DSO Abruf nach Vertrag, best-effort Vertrag ja Vertraglich genutzte netzdienliche Flex ohne strikte Leistungsgarantie (Nichtereignis führt primär zu Mehrkosten/Opportunität)
Untertyp GF-C2 Vertragliche netzdienliche Flexibilität (garantiert) Contracted firm DSO Abruf nach Vertrag, SLA/garantiert Vertrag ja Vertraglich genutzte netzdienliche Flex mit garantierter Leistung/Verfügbarkeit (SLA), relevant für lokale Restriktionen
Untertyp GF-L1 Gesetzliche Abregelung (Einspeisemanagement) Legal curtailment DSO gesetzlicher Zugriff: Abregelung Einspeisung Gesetz nein Gesetzlich garantierte Abregelung eines begrenzten Anteils der Einspeisung am Anschlusspunkt
Untertyp GF-L2 Gesetzliche Nutzung bei Netzgefährdung Legal operation threat DSO gesetzlicher Zugriff bei erheblicher Gefährdung Gesetz nein Gesetzlich garantierte Nutzung von Flex bei unmittelbarer erheblicher Gefährdung des sicheren Netzbetriebs
Haupttyp SF Fahrplan-Flexibilität (nur Call-Flex) Schedule Flexibility Marktakteur/Portfolio Abruf/Option (bilateral) Vertrag ja Flex als bilaterales Ausübungsrecht, das zu einer Fahrplan-/Positionsänderung führt (ohne TSO-Aktivierung)
Untertyp SF-FC Forward-Call-Flexibilität Forward Call Marktakteur/Portfolio ex-ante Abrufrecht (Planungs-/Forecast-/Preislogik) Vertrag ja Call/Option zur ex-ante Anpassung der geplanten Position/Fahrpläne, nicht TSO-aktiviert
Untertyp SF-IC Imbalance-Call-Flexibilität Imbalance Call Marktakteur/Portfolio kurzfristiger Abruf bei Abweichung/„fehlender“ Energie Vertrag ja Call/Option zur kurzfristigen Korrektur bei Positions-/Bilanzabweichungen, nicht TSO-aktiviert
Haupttyp BF TSO-Balancing-Flexibilität Balancing Flexibility TSO Aktivierung durch TSO TSO-Regime produktabhängig Flex wird durch TSO aktiviert, um das System kurzfristig zu balancieren (Control Energy/Regelenergie)

7. Systemgrenzenblatt

Thema In Scope Out of Scope Bemerkung
Flex-Definition gezielt aktivierbar (Vertrag oder gesetzlicher DSO-Zugriff) rein interne Optimierung ohne externen Empfänger SF ist bewusst nur Call-Flex, nicht normaler Handel
Day-Ahead / Intraday / After-Market Kontext/Erfüllungskanal/Preisreferenz kein Flex-Typ Für SF können DA/ID als Erfüllungs-/Hedge-Kontext auftauchen, aber nicht als Typ
Notfall/Schutz automatische Schutz-/Notfallmassnahmen explizit ausgeschlossen
Strategische Reserve strategische/Versorgungssicherheitsreserve explizit ausgeschlossen
Imbalance Settlement Kontext/Anreiz kein Typ SF-IC ist ein Call-Produkt, nicht „Settlement“

8. Vereinbarung/Regimeblatt

8.1 Vertragsminimum (für GF-C1/GF-C2/SF-FC/SF-IC)

Element Muss? Inhalt
Aktivierungs-/Ausübungsrecht ja wer darf auslösen; Trigger/Notice; bei SF: Ausübungsberechtigter zwingend
Umfang ja kW/MWh, Richtung, Dauer, Rampen, Abruffenster
Messung & Verifikation ja Messpunkt, Baseline/Referenz, Datenzugang
Abrechnung & Konsequenzen ja Preislogik, Erlösaufteilung, Pönalen/Mehrkosten

8.2 Zusatz-Mindestinhalte für GF-C1/GF-C2 (Netz-Flex-Verträge)

Element Muss?
Steuer-/Regelsystemja
geplanter Nutzungsumfangja
Informationsmittel + Häufigkeitja
Vergütungja
Laufzeitja
Kündigungsmodalitätenja

8.3 Gesetzesregime für GF-L1/GF-L2

Element Regel
Vergütungkeine
Zustimmungnicht erforderlich (unter Bedingungen)
Vorrang/Overridekann entgegenstehende Rechte Dritter und Willen des Inhabers übersteuern
SpezialregelnCap/Info/Richtlinienprozesse (je nach Unterfall)

9. Attributblatt (Pflichtattribute für Matching)

9.1 Kanalübergreifend

Attribut Pflicht? Werte/Format
Richtungja{up, down, both}
Reaktionszeit/VorlaufjaSekunden/Minuten/Stunden
Mindestdauer / MaximaldauerjaMinuten/Stunden
Verfügbarkeit/Zuverlässigkeitja% / Zeitfenster / SLA
Messpunkt & Baseline/ReferenzjaDefinition, Datenquelle

9.2 Zusatz für GF

Attribut Pflicht? Werte/Format
Lokation/Netzgebiet/NetzebenejaNetzgebiet + Netzebene + Anschlusspunkt
Verbindlichkeitsklasseja{C1, C2, L1, L2}
Netz-Ziel (Objective)ja{local_relief, avoid_reinforcement, defer_measures, reduce_grid_costs}
Bestehend/Neuempfohlen{existing, new}

9.3 Zusatz für SF (Call-Flex)

Attribut Pflicht? Werte/Format
Ausübungsberechtigterja{receiver, provider, both}
TriggerlogikjaPreis/Forecast/Regel/Imbalance-Kriterium
AusübungszeitfensterjaD-1…D-0…in-delivery; Vorlaufzeit
Erfüllungskontext (optional)empfohlenReferenzmarkt/OTC (DA/ID), nur Kontext

9.4 Zusatz für BF

Attribut Pflicht? Werte/Format
Produktklasse (optional)empfohlen{FCR, aFRR, mFRR, …}
Präqualifikation/Anforderungenempfohlenja/nein + Nachweis

10. Entscheidregelnblatt (Zuordnungstests)

Test Wenn … Dann …
TSO-Trigger Aktivierung durch TSO BF
Gesetzlicher DSO-Zugriff gesetzliche Nutzung, unvergütet, ggf. ohne Zustimmung GF-L1 / GF-L2
DSO-Vertrag Vertrag DSO–Inhaber, netzdienlicher Zweck GF-C1 oder GF-C2 (je nach SLA/Verbindlichkeit)
Bilaterales Ausübungsrecht (nicht TSO) Call/Option → Fahrplan-/Positionsänderung SF-FC oder SF-IC (je nach Trigger/Timing)
Normaler Handel DA/ID/OTC ohne Ausübungsrecht kein Flex-Typ (nur Kontext)

11. Priorisierung & Konfliktregeln

11.1 Gesetzlich festgelegt

Gesetzlich garantierte Nutzung (GF-L1/GF-L2) hat Vorrang:

  • auch bei entgegenstehenden Nutzungsrechten Dritter,
  • auch gegen den Willen des Flexibilitätsinhabers.

11.2 Noch offen (vorgemerkt)

  • Priorisierung zwischen GF-C1/GF-C2 und SF/BF bei Mehrfachvermarktung (Sperrlogik/Preemption).
  • DSO–TSO Koordination als Koordinations-/Constraint-Layer (kein eigener Flex-Typ).

12. Beschaffungskanäle als Attribute (kein Typ)

  • Energiemarkt-Kontext: Day-Ahead/Intraday/bilateral, Auktion vs Continuous, ex-ante vs ex-post.
  • Netz-Kontext: bilateral oder plattform-/marktbasiert (Beschaffungskanal, nicht Typ).

13. Offene Fragen (v1.0)

  • Priorisierung bei Mehrfachvermarktung: Wie wird in der Praxis priorisiert, wenn ein Asset gleichzeitig GF (vertraglich), SF (Call) und/oder BF anbietet? (Sperrlogik/Preemption; Interaktion mit SLA und Aktivierungsrechten).
  • DSO–TSO Koordination: Wie werden Konflikte (lokale Restriktion vs Balancing-Abruf) technisch/vertraglich geregelt? Im Modell derzeit als Koordinations-/Constraint-Layer gedacht, nicht als eigener Flex-Typ.
  • „Bestehende Flexibilität“ (StromVV Art. 19d): Prozess- und Attributmodellierung (existing/new, Informations- und Opt-out-Prozesse) sowie Auswirkungen auf Daten- und Vertragsmodelle.

14. Lizenz & Referenz

CC BY 4.0 (nur Spezifikation): Die in diesem Dokument enthaltene Klassifizierung (Codes, Kurzdefinitionen sowie die Übersichtstabelle „Klassifikationsblatt“) ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Nutzung, Weitergabe und Bearbeitung sind – auch kommerziell – erlaubt, sofern korrekt referenziert wird und keine offizielle Unterstützung suggeriert wird.

Nicht von der Lizenz umfasst: Der übrige Text ist nicht unter CC BY 4.0 lizenziert (alle Rechte vorbehalten), sofern nicht anders gekennzeichnet.

Zitierempfehlung: „energonia Klassifizierung der Flexibilitätsnutzung im Schweizer Stromsystem (v1.0)“, Quelle: energonia.ch, Lizenz: CC BY 4.0.