energonia Klassifizierung der Flexibilitätsnutzung im Schweizer Stromsystem (v1.0)

Version 1.0 · Schweiz · Stand: 3. Februar 2026

1. Zweck und Anwendungsbereich

Die energonia Klassifizierung der Flexibilitätsnutzung im Schweizer Stromsystem (v1.0) ist eine konzeptionelle Typologie zur strukturierten Beschreibung von Flexibilitätsnutzungen im Stromsystem. Sie dient der begrifflichen Klarheit, Vergleichbarkeit und systematischen Einordnung von Flexibilität in Analyse-, Vertrags-, Markt- und Planungszusammenhängen.

Die Klassifizierung ordnet nicht Technologien (z. B. Batterien, Wärmepumpen, PV-Anlagen), sondern die Nutzung von Flexibilität. Eine Ressource kann mehrere Flexibilitätstypen gleichzeitig oder zeitlich versetzt anbieten.

Der Fokus liegt explizit auf dem Schweizer Stromsystem und berücksichtigt insbesondere die rechtlichen Rahmenbedingungen gemäss Stromversorgungsgesetz (StromVG) und Stromversorgungsverordnung (StromVV).

2. Grundannahmen und Systemgrenze

2.1 Definition von Flexibilität (im Modell)

Als Flexibilität gilt im Rahmen dieses Modells eine Nutzung, bei der:

  • ein gezielt aktivierbares Nutzungsrecht besteht (vertraglich oder gesetzlich),
  • die Wirkung am Anschluss- oder Messpunkt nachweisbar ist,
  • klare Bedingungen zu Vorlaufzeit, Dauer, Umfang und Aktivierung bestehen.

2.2 Explizit ausserhalb der Systemgrenze

  • normaler Stromhandel (Day-Ahead, Intraday, OTC) ohne Abruf- oder Ausübungsrecht,
  • reine interne Optimierung ohne externen Empfänger,
  • automatische Schutz- und Notfallmechanismen,
  • strategische Reserven.

3. Klassifikationslogik

Die Einordnung erfolgt entlang von drei zentralen Kriterien:

  1. Empfänger / Aktivator der Flexibilität,
  2. Regime der Nutzung (vertraglich oder gesetzlich),
  3. Verbindlichkeit der Leistung (best-effort oder garantiert).

4. Hauptkategorien der Flexibilitätsnutzung

4.1 GF – Grid Flexibility (Netzdienliche Flexibilität)

Grid Flexibility umfasst Flexibilitätsnutzungen durch den Verteilnetzbetreiber im eigenen Netzgebiet. Entscheidend sind das zugrunde liegende Regime (vertraglich vs. gesetzlich) und die Verbindlichkeit.

  • GF-C1 – Contracted non-firm
    Vertragliche Nutzung ohne garantierte Leistung (best-effort). Typisch bei wirtschaftlich motivierten Netzkostenoptimierungen.
  • GF-C2 – Contracted firm
    Vertragliche Nutzung mit garantierter Leistung/Verfügbarkeit (SLA). Relevant bei lokalen Netzrestriktionen mit systemkritischem Charakter.
  • GF-L1 – Legal curtailment
    Gesetzlich garantierte Abregelung bzw. Einspeisemanagement ohne Vergütung.
    Rechtsgrundlage: StromVG Art. 17c Abs. 4 lit. a; StromVV Art. 19c Abs. 4.
  • GF-L2 – Legal operation-threat use
    Gesetzlich garantierte Nutzung bei erheblicher Gefährdung des sicheren Netzbetriebs ohne Vergütung.
    Rechtsgrundlage: StromVG Art. 17c Abs. 4 lit. b.

4.2 SF – Schedule Flexibility (Fahrplan-Flexibilität als Call-Flex)

Schedule Flexibility umfasst bilaterale Abruf- oder Optionsrechte, die zu einer Änderung von Fahrplänen oder Positionen führen, ohne Aktivierung durch Swissgrid.

  • SF-FC – Forward Call
    Ex-ante abrufbare Flexibilität zur Anpassung geplanter Positionen (Planung, Forecast, Preislogik). Typischer Zeithorizont: D-1 bis kurz vor Lieferung.
  • SF-IC – Imbalance Call
    Kurzfristiger Abruf zur Korrektur von Abweichungen innerhalb einer Bilanzgruppe, ohne Swissgrid-Aktivierung.

Day-Ahead- und Intraday-Märkte werden nicht als Flexibilitätstypen geführt, da sie Handelsmechaniken und keine Nutzungsrechte darstellen.

4.3 BF – Balancing Flexibility (TSO-Balancing-Flexibilität)

Balancing Flexibility umfasst alle Flexibilitätsnutzungen, die durch den Übertragungsnetzbetreiber aktiviert werden (z. B. Swissgrid). Die Aktivierung durch den TSO ist das definierende Kriterium.

Produktdifferenzierungen (z. B. FCR, aFRR, mFRR) sind bewusst nicht Teil der Basisklassifikation.

5. Übersichtstabelle

Code Kategorie Kurzbeschreibung Aktivierung durch
GF-C1 Netzdienliche Flexibilität vertraglich, non-firm (best-effort) Verteilnetzbetreiber
GF-C2 Netzdienliche Flexibilität vertraglich, firm (garantiert/SLA) Verteilnetzbetreiber
GF-L1 Netzdienliche Flexibilität gesetzliche Abregelung (StromVG/StromVV) Verteilnetzbetreiber
GF-L2 Netzdienliche Flexibilität gesetzliche Nutzung bei Netzgefährdung Verteilnetzbetreiber
SF-FC Fahrplan-Flexibilität Forward Call (ex-ante) Marktakteur / Portfolio
SF-IC Fahrplan-Flexibilität Imbalance Call (kurzfristig) Marktakteur / Portfolio
BF TSO-Balancing-Flexibilität Aktivierung durch den TSO Swissgrid

6. Lizenz & Referenz

CC BY 4.0 (nur Spezifikation)
Die in diesem Beitrag enthaltene Klassifizierung (Codes, Kurzdefinitionen sowie die Tabelle „Die Kategorisierung auf einen Blick“) ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Nutzung, Weitergabe und Bearbeitung sind – auch kommerziell – erlaubt, sofern korrekt referenziert wird und keine offizielle Unterstützung suggeriert wird.

Nicht von der Lizenz umfasst:
Der übrige Text dieser Dokumentation ist nicht unter CC BY 4.0 lizenziert (alle Rechte vorbehalten), sofern nicht anders gekennzeichnet.

Zitierempfehlung:
„energonia Klassifizierung der Flexibilitätsnutzung im Schweizer Stromsystem (v1.0)“, Quelle: energonia.ch, Lizenz: CC BY 4.0.